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KRITISCHE TEXTE

Meine Malerei entsteht wie ein Alphabet. So wie man aus Buchstaben Wörter bilden kann, geht aus einem Farbfleck eine Form hervor. Es ist eine organische Verbindung von Elementen, die sich herausbilden, während das Werk im Entstehen begriffen ist. Bei der Ausarbeitung eines Werkes entdecke ich das Objekt oder das Subjekt, das sich abzeichnet … Dann tritt die Erinnerung oder das Unbewusste auf den Plan und das, was ich ausgearbeitet habe, nimmt Gestalt an. Aus diesem Verfahren entsteht das Bild……Ich bin also ein Schöpfer und das könnte meine Genese sein. Es gibt Werke, die entstehen und nehmen einen Entwicklungsverlauf, der bereits in den ersten Strichen enthalten ist, in den ersten Farbkombinationen, während andere so vollendet entstehen, dass ich nicht weitermachen kann, ohne ihr Geheimnis preiszugeben.

Karl Plattner

 

​Geboren und geformt zwischen die zwei großen Kulturen des Westens, die Nördliche und die Mittelmeer, glaubt Plattner auch an die Zeichen der Zivilisation des Waldes und des Tempels, des Baumes und des Steins, wobei er sowohl den Geschmack des Symbols bewahrt, sei es als Erbe dunkler Legenden oder als Produkt des Sonnenscheins des Denkens, gewölbt in den Strudeln des pflanzlichen Gewirres oder entspannt in den schillernden Rhythmen der metaphysischen Helligkeit. Für diesen Geschmack des Symbols malt Plattner keine Menschen, sondern Zeichen der Menschlichkeit; er präsentiert uns keine Objekte, sondern anspielende Situationen, die, selbst wenn sie Orte einsamer Taten sind, am Ende Beziehungen von unbestimmter Breite widerspiegeln. Dies zeigt sich sowohl in der Minute des Lebens - die weibliche Figur zum Beispiel in der intimen Haltung gefangen oder ein gleichgültiges Gesicht, das im Schimmer eines Fensters überrascht ist - als ein in der Weite des Freskos erweiterter Aktionstaumel. Selbst in den festesten und klarsten Kompositionen, die innerhalb der Grenzen scheinbar unpassierbarer Strukturen geschlossen und in einem extrem definierten Spiel von Räumen gefangen sind, schwingen sie Echos unversöhnter Formen, die durch den Prozess, in dem Innen und Außen eindringen und interagieren, bis zur Besessenheit erhaben sind.

Franco Solmi, Karl Plattner, Monographie, 1973

 

….zu jener zugleich harten wie weichen, spitzen, unerbittlichen, mitleidslosen und zugleich ängstlichen, träumerischen, fliehenden und verrückten Welt passen konnte, die in den Werken dieses von einem Grenzland geprägten Malers zum Ausdruck kommt — eines nicht nur geographischen sondern auch kulturellen Grenzlandes. Ich glaube, daß man gerade diese Prägung berücksichtigen muß, um die Welt Plattners definieren zu können (was natürlich auf jeden Künstler oder Schriftsteller zutrifft, der in einem Grenzgebiet geboren wurde: wenn die Grenze keinen Endpunkt sondern vielmehr ein Kommen und Gehen, ein sich Kreuzen bedeutet).

Leonardo Sciascia, "Un Peintre-graveur", 1980

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Plattners Malerei lässt sich nicht sonderlich viel über die Chronologie des Schaffens ablesen. Sieht man einmal von den Experimenten zu Beginn der fünfziger Jahre ab, als sich der Künstler die damalige Avantgarde zum Maßstab nahm – insbesondere den Kubismus, wenn aus der kritischen Sicht eines Künstlers der Nachkriegszeit-, so stellt nämlich das Werk Plattners einen thematisch und künstlerisch sehr homogenen Block dar, der kaum zeitlich oder stilistische Zäsuren erkennen lässt. Stets identische Formen und Inhalte sind in der Tat eine Konstante in seiner Malerei, die gewissermaßen in ständiger Wiederkehr um eine Problematik kreist, für die es keine Lösung gibt und daher in immer neu aufbrechende Existenzkrisen mündet. Die Zeit vermag die subjektive Empfindung des eigenen Ich sowie der Themen weder abzuschwächen noch weiterzuentwickeln. Und noch viel weniger vermag sie Plattners objektives Kunstverständnis zu beeinträchtigen, das über drei Jahrzehnte hinweg ganz kohärent in einer realistischen Darstellungsweise verankert bleibt und von eiserner Berufsdisziplin begleitet wird. Genau dieser Vorgang des Malens ist das wichtigste und wohl auch unmittelbarste Qualitätsmerkmal seiner Arbeit, die in den vierziger Jahren mit strengen Lehrjahren als Freskomaler beginnt und sich dann allmählich handwerklich und künstlerisch verfeinert – bis hin zu jener außerordentlicher Vertrautheit mit der Technik, die nicht nur seine Malerei, sondern auch die Zeichnung, das Aquarell, die Lithographie und das Pastell kennzeichnet. All diese Bereiche prägt Plattner als erfahrener Künstler mit einer derartigen Vielfalt im Ausdruck, dass die Wahl des Stilmittels absolut zweitrangig wird. In Plattners Werk gibt es daher auch keine Rangordnung: Ob Leinwand oder Papier, ob geduldig entstandenes Ölbild, das erst im Laufe von Wochen und Monaten, manchmal sogar Jahren künstlerische Gestalt annimmt, oder schnell hingeworfene Pastell- oder Bleistiftzeichnung in flüssigem Duktus und warmer Farbgebung – alles ist gleich wichtig, alles ist durchdrungen von derselben leidenschaftlichen Suche. Plattners Arbeit an der Leinwand war von Vorsicht und Leidenschaft gleichermaßen gekennzeichnet. Er arbeitete lange an der Grundierung, um das Bild dann wieder genauso lange wegzustellen. Aber dann, urplötzlich, holt er wieder hervor und verliebt sich neu in die Arbeit, wenn sich aus der nach alter Technik bearbeiteten Oberflächen eine Figur oder besser noch irgendein Gesichtszug herausschält, der sich in der Vorstellungswelt des Künstlers zu verselbständigen beginnt und Assoziationen mit Figuren weckt, denen es Leben und Schicksal einzuhauchen gilt. An diese ebenso wunderbare wie unvorhersehbare Wiederbelebung der Form tastet sich Plattner mit staunender Entschlossenheit heran. Ein neues Werk lässt er aber nur dann daraus entstehen, wenn sich die Idee des Künstlers vollkommen mit jenem Bild deckt, das sich allmählich aus der unförmigen Grundierung herauskristallisiert.

Gabriella Belli, Meisterwerke, MART, 1996

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In der Folge wurde mir bewußt, daß Karl im Grunde ein Nomade war: wann immer wir uns trafen, kam er von irgendwoher oder war dabei, irgendwohin zu fahren. Er hielt sich, meist arbeitsbedingt, an einem Ort nur so lange auf, um sich auf einen erneuten Ortswechsel vorzubereiten. Mir ist im Laufe der Zeit klar geworden, daß in ihm ein unsteter Geist wohnte, der ihn, wie bei den Karnern aus dem Vinschgau, immer von neuem in die Ferne zog, auf der Suche nach dem eigenen Ich, der ihn zwang, überall seine eigene Herkunft neu zu entdecken, aber auch besser hinzuhören und zu überlegen, ja zu verstehen. Alle erleben wir in uns Widersprüche, doch in den Werken und der Persönlichkeit Plattners kam eine immer wiederkehrende Angst zutage, die Betroffenheit des forschenden Menschen, eine gequälte Folgerichtigkeit im Bezweifeln angeblicher Sicherheiten und pathetischer Wahrheiten. Hin und wieder werden ihn Gedanken und Gefühle beherrscht haben, die ihn in Bezug auf ein natürliches Sujet hätten deplacieren können. In objektivem Lichte betrachtet, hätte das Sujet durch die Veränderungen hindurch neu erfunden werden können, denn es ist schwer vorstellbar, daß Landschaften, Szenen, Menschen und Tiere in seinen Bildern nicht auf seine Weltanschauung verwiesen hätten.

Piero Siena, Die öffentlichen Arbeiten, Museion, 1996

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Karl Plattners Bildschöpfungen faszinieren thematisch und formal, lassen aufhorchen und berühren tief die eigenen Befindlichkeiten. Karl Plattner ist aber genauso ein stiller, seelentiefer Denker und vor allem Seher. Er greift Lebenssituationen auf, die der Norm des Alltags nahe und doch wieder fern sind. Man spürt ein intensives Auslotung von Grenzsituationen in der Skeletierung der menschlichen Kreatur, eine schonungslose Analyse der psychischen Zwängen, eine delikate Charakterisierung von menschlichem Gehabe, eine bedrückende Manifestation von erotischen Daseinswünschen und eine sensible Offenlegung von dekadenten Lebenspositionen bis hin zum Drama des Todes.

… Trotz der Präsenz des Raumgefüges ist die Figuration, das Menschenbild, eine existentielle Position im Gesamtwerk von Karl Plattner. Er neigt sich in einfühlsamer Sehnsucht der geistigen Dimension des menschlichen Daseins zu, der Liebe zur Mutter, der Trauer um deren Tod, der Freude am Weiblichen im erotischen Genre und in sensiblen Rückenakten, dem Diskurs der sprachlosen Männer, der stummen Trostlosigkeit im Dialog des Paares, der anregenden Zwiesprache auf Balkonen über Gassen hinweg. Raum und Figuration, Realität und Existenzkampf, das sind Pole in Plattners Werk, die er auch selbst in übertragendem Sinne in einem Interview mit Maro Coughlin 1985 anspricht: „Es gibt immer zweierlei Bilder, das natürliche Bild und die Umkehrung desselben, das Bild menschlicher Sorge, das grauenvolle Bild der Angst und des Lebensschmerzes.“

Gert Ammann, Katalog Vollendet-Unvollendet, Museion, 2008
 

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